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Stearin, Palmitin, Paraffin – eine adventliche Auseinandersetzung

Der erste Advent war nicht mehr weit und wir waren bei unserer Wanderung zufällig auf einem Weihnachtsmarkt gelandet. Es gab dort Stände mit Schmuck, Kopfbedeckungen und Kosmetik. Bei dem Seifenstand konnte man auch Lippenbalsam erwerben und die Besitzerin fachsimpelte über die süchtig machende Wirkung von Erdölderivaten. Mein Teufelchen meldete sich: „Sag was! So einen Blödsinn kann man doch nicht durchgehen lassen!“ Mein Engelchen hielt dagegen: „Lass die Leute doch glauben, was sie wollen!“

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Mein Teufelchen setzte sich durch und so grummelte ich für alle Umstehenden hörbar: „Alles Quatsch! Paraffinöl ist nicht schlecht!“
„Aber das sagen doch alle!“ konterte die Seifen-Dame etwas alarmiert. „Und es ist doch auch im Labello drin!“ „War“, entgegnete ich. „Paraffine in Lippenprodukten werden fast gar nicht mehr eingesetzt!“ „Und was dann?“ „Cetylpalmitate zum Beispiel!“ sagte ich. „Palmöl!“ rief sie fast schon triumphierend. „Palmitate heißt nicht, dass es vom Palmöl kommt, sondern ein Ester der Palmitinsäure ist!“ Eine Kundin blickte mich schon indigniert an, als Teufelchen nachsetzte: „Chemisches Grundverständnis kann schon mal hilfreich sein!“ Dann setzte Engelchen sich durch und wir machten uns von dannen.

Nomenklatur der Kosmetikinhaltsstoffe

Die Kosmetikverordnung regelt, dass alle kosmetischen Produkte eine sogenannte Volldeklaration tragen müssen, die INCI (siehe auch Schon entdeckt?). Damit können wir Verbraucherinnen feststellen, um welche Inhaltsstoffe es sich in unserem Produkt handelt. Auf vielen Internetseiten gibt es dazu noch Lexika, damit auch Nicht-Chemiker verstehen können, was diese Rohstoffe sind und in der Kosmetik machen (siehe Pinkmelon INCI Lexikon). Doch auch die INCI-Nomenklatur orientiert sich an den Trivialnamen chemischer Substanzen. Für Fettalkohole, Fettsäuren und deren Ester ist es daher ganz einfach: Alkohol-Säure-at. Z.B. Cetyl-Palmitate der Ester des Cetylalkohols (C16) und der Palmitinsäure (C16) (siehe Tabelle Trivialnamen einwertiger, unverzweigter Alkohole und Säuren).

Gewinnung von Fettsäuren

Die Gewinnung von Fettsäuren wird in der Regel schon in der Schule im Chemieunterricht durchgenommen. Industriell sieht das Ganze etwas anders aus (siehe auch Seife besser als ihr Ruf). Triglyceride (Ester des Glycerins mit Fettsäuren) werden zunächst verseift und die entstandenen Fettsäuren und das Glycerin abgetrennt, damit sie weiter verarbeitet werden können. Tierische und pflanzliche Fette unterscheiden sich dabei im Wesentlichen in der Fettsäurezusammensetzung. In Pflanzen kommen viele ungesättigte Fettsäuren vor und pflanzliche Fette sind deswegen in der Regel flüssig. In tierischen Fetten kommen in der Regel mehr gesättigte, dafür aber auch kürzerkettige Fettsäuren vor, tierische Fette sind meist fest.
Der Palmitinsäurerest ist dabei der in vielen pflanzlichen und tierischen Fetten am häufigsten vorkommende gesättigte Fettsäurerest z.B.: Stillingiaöl (60–70 %), Palmöl (41–46 %), Rindertalg (23–29 %), Butterfett (24–32 %), Schweineschmalz (24–30 %), Kakaobutter (23–30 %), Baumwollsaatöl (21–27 %), Avocadoöl (10–26 %).

Industrielle Herstellung von Fettsäureestern

Heute mag man es kaum glauben, aber früher hat man z.B. Cetylpalmitat nicht hergestellt, sondern aus Walrat (eine dickfließende Masse, die aus den Schädeln von Pottwalen gewonnen wurde) isoliert. Walfang war noch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs völlig üblich und wurde erst danach reguliert. Walrat aus Pottwalen diente dabei allen möglichen industriellen (Schmiermittel, Kerzen usw.) und kosmetischen Zwecken. Heutzutage werden Fettalkohol-Fettsäureester wie Cetylpalmitat  großtechnisch durch Umesterung  gewonnen.

Paraffin natürlichen Ursprungs?

Wer meine Kolumne regelmäßig liest, kennt meine entspannte Haltung zu Erdölprodukten. Paraffin ist ein hochaufgereinigtes Wachs, das aus Erdöl destilliert wird. Erdöl ist zwar kein nachwachsender Rohstoff, ist aber vor Millionen Jahren aus Pflanzen – genau wie Kohle auch – entstanden. Eine Diskussion, ob dieser Stoff denn nun natürlich ist, würde hier aber zu weit führen. Wichtig ist: Der Einsatz in der Kosmetik gilt als absolut sicher. Weiterhin lassen sich Paraffine industriell oxidieren und so Fettsäuren und -alkohole z.B. für den Einsatz in der Kosmetik erhalten.

Und was ist jetzt nachhaltig?

Palmöl ist meiner Ansicht nach zu Unrecht in Verruf geraten, denn seine Bilanz Ölausbeute / Fläche ist sensationell günstig (www.wwf.de). Das alternativ verwendete Kokosöl sieht da viel schlechter aus. Und machen wir uns nichts vor: Für den Anbau von Kokospalmen wird auch Wald gerodet. Auch die riesigen Rapsfelder, die wir im Frühjahr in „Meck-Pomm“ so schön finden, sind nichts anderes als Monokulturen. Man muss sich also über das „Wie“ des Anbaus von Ölsaaten unterhalten oder aber wieder vermehrt tierische Fette einsetzen.

Insgesamt täte ein entspannterer Umgang mit diesen Kosmetikinhaltsstoffen gut, die man übrigens auch zu Kerzen verarbeiten kann: Sogenannte Stearin-Kerzen (Stearin = Mischung aus Palmitin- und Stearinsäure) werden seit 1820 produziert. Mit der Entdeckung von Paraffin gelang ab 1839 die Produktion von Gießkerzen. Heutige Kerzen enthalten meist eine Mischung aus Stearin / Paraffin 20/80 (siehe auch www.die-kerze.de).
Und was sagen Engelchen und Teufelchen jetzt dazu? Sind endlich still….

Foto: ©istockphoto/Sergey Nivens

Autor dieses Artikels:
Dr. Ghita Lanzendörfer-Yu ist promovierte Chemikerin und Expertin auf dem Gebiet der Entwicklung und Produktion von Kosmetika. Sie bringt mehr als 16 Jahre Erfahrung in der kosmetischen Industrie mit sowie sieben Jahre freiberufliche Erfahrung in Shanghai, China und Mülheim adR.

Urheberrecht: Dr. Ghita Lanzendörfer-Yu. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

Dieser Artikel wurde verfasst am 9. Dezember 2014
von in der Kategorie Geheimnis Kosmetik

Dieser Artikel wurde seitdem 2915 mal gelesen.

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